BRIEF VON HANNES MEYER AN DEN OB HESSE

Brief von Hannes Meyer an den OB Hesse 1931

In der Zeitschrift „Das Tagebuch“ 11 (1930), Nr. 33, S. 1307 veröffentlichte Hannes Meyer einen offenen Brief an den Dessauer Oberbürgermeister Hesse. Dieser Brief läßt den Hinauswurf Meyers in einem etwas anderen Licht als in der allgemeinen Historie über dieses Ereignis erscheinen.

Hannes Meyer
Bauhausdirektor a.D.

Mein Hinauswurf aus dem Bauhaus

Offener Brief an den Herren Oberbürgermeister Hesse, Dessau

Gleichzeitig mit Ihrer brieflichen Mitteilung meiner fristlosen Entlassung als Direktor des Bauhauses Dessau, datiert vom 1.8.30, erreicht mich durch die Berliner Presse die Kunde von jenem Dienstmädchen, welches von seiner Herrschaft fristlos entlassen worden war, weil es gewagt hatte, seinen Dienst barstrümpfig, also gewissermaßen mit nackten Beinen, zu verrichten. Zwar habe ich keine silbernen Löffel gestohlen, trotzdem trete ich willig an seine Seite. Letzten Endes verdanke auch ich meine fristlose Entlassung der Gewohnheit, zwar nicht meine Beine, wohl aber meine Ideen nackt und unverhüllt darzubieten. Gestatten Sie, als mein nunmehr ehemaliger Vorgesetzter, daß auch ich in diesem offenen Brief bei meiner sonderbaren Gewohnheit bleibe. - Was ist geschehen?

Am 1.4.1927 bin ich von Professor Dr.- Ing. Walter Gropius, dem Gründer des Bauhauses Dessau, als Baumeister für Architektur an diese Hochschule für Gestaltung berufen worden. Am 1. 4.1928 übernahm ich an seiner Stelle die Direktion, nachdem Mies van der Rohe sie ausgeschlagen hatte. So ward ich ein Lückenbüßer und der unbedeutende Nachfolger eines großen Vorgängers.

Herr Oberbürgermeister! Gestatten Sie einen Augenblick, daß ich mich und das Bauhaus den Tagebuchlesern vorstelle: Bin Schweizer, 40 Jahre alt, verheiratet, lebe getrennt von der Familie; 174 cm groß, Haare meliert, Augen graublau, Nase, Mund und Stirn sind laut meinem eidgenössischen Paß "mittel", spezielle Merkmale: äußerlich keine.
-Jetzt das Institut: Als "Bauhaus Dessau" eine Einrichtung der Stadt Dessau mit einem Jahreszuschuß von 133 000 RM, als "Hochschule für Gestaltung" der Anhaltischen Regierung unterstellt. Der Jahresetat ist 167 000RM. 171 Studierende, darunter 40 Ausländer, 13 hauptamtliche und 4 nebenamtliche Lehrkräfte, Paul Klee, L. Feininger und W. Kandinsky als Künstler von Weltruf. Was fand ich bei meiner Berufung vor? Ein Bauhaus, dessen Leistungsfähigkeit von seinem Ruf um das Mehrfache übertroffen wurde und mit dem eine beispiellose Reklame getrieben wurde. Eine "Hochschule für Gestaltung", in welcher aus jedem Teeglas ein problematisch- konstruktivistelndes Gebilde gemacht wurde. Eine "Kathedrale des Sozialismus", in welcher ein mittelalterlicher Kult getrieben wurde mit den Revolutionären der Vorkriegskunst unter Assistenz einer Jugend, die nach links schielte und gleichzeitig selber hoffte, im gleichen Tempel dermaleinst heilig gesprochen zu werden. Inzüchtige Theorien versperrten jeden Zugang zur lebensrichtigen Gestaltung: Der Würfel war Trumpf, und seine Seiten waren gelb, rot, blau, weiß, grau, schwarz. Diesen Bauhauswürfel gab man dem Kind zum Spiel und dem Bauhaus-Snob zur Spielerei. Das Quadrat war rot. Der Kreis war blau. Das Dreieck war gelb. Man saß und schlief auf der farbigen Geometrie der Möbel. Man bewohnte die gefärbten Plastiken der Häuser. Auf deren Fußböden lagen als Teppiche die seelischen Komplexe junger Mädchen. Überall erdrosselte die Kunst das Leben: So entstand meine tragikomische Situation. Als Bauhausleiter bekämpfte ich den Bauhausstil. Ich kämpfte aufbauend durch meine Lehre: Alles Leben sei ein Streben nach Sauerstoff + Kohlenstoff + Zucker + Stärke + Eiweiß. Alle Gestaltung sei daher im Diesseits zu verankern. Bauen sei ein biologischer Vorgang und kein ästhetischer Prozeß. Bauen sei keine Affektleistung des Einzelnen, sondern eine kollektive Handlung. Bauen sei die soziale, psychische, technische und ökonomische Organisation der Lebensvorgänge. Bauen sei eine weltanschauliche Demonstration, und die starke Gesinnung sei untrennbar vom starken Werk. Ich lehrte die Studierenden den Zusammenhang zwischen Bau und Gesellschaft, den Weg von der formalen Intuition zur bauwissenschaftlichen Forschung, und die Forderung: Volksbedarf statt Luxusbedarf. Ich lehrte sie das Vielerlei der idealistischen Wirklichkeit des Meßbaren, Sichtbaren, Wägbaren.

Die wissenschaftlich begründete Gestaltung ward mein Ziel, und der pädagogische Aufbau des Instituts erfuhr wesentliche Veränderungen: Zum Bau-Ingenieur gesellte sich der Betriebs-Wissenschaftler; die Neuberufung von Bauhausmeistern deutet den Kurs: Der sozialistische Architekt L. Hilberseimer- Berlin, der Mathematiker und Fotograf W. Peterhans-Berlin, der norwegische Kritizist und Architekt E. Heiberg. Der Gefahr eines pseudo-wissenschaftlichen Tuns wollte ich begegnen durch einen konsequenten Ausbau der Gastkurse, und mit der lächerlichen Jahressumme von etwa 5000 RM verpflichtete ich dem Bauhause Kräfte wie Dir. O. Neurath- Wien, K. von Meyenburg-Basel, Dr. Dunker-Berlin, Dr. H. Riedel-Dresden, DR. R. Carnap-Freiburg, DR. W. Dubislav-Berlin, Dr. E.Feigl-Wien, Stadtrat Dr. L. Schmincke-Neukölln, Graf Dürckheim-Leipzig, Karel Teige-Prag, Dr. H. Prinzhorn-Frankfurt usw.; dazu als bunte "Einlage" Hermann Finsterlin, Hans Richter, Ernst Toller, Dsiga Werthoff, Piet Zwaart. Den sprichwörtlichen Kollektiv-Neurosen des Bauhauses, Frucht einer einseitig- geistigen Betätigung, begegnete ich durch Einführung des Sportunterrichtes; eine "Hochschule ohne Leibesübungen" erschien mir ein Unding. Der pädagogische Wochenplan trug der periodisch wechselnden Aufnahmefähigkeit des Lernenden Rechnung, und im Schwerpunkt der Woche lagen drei Achtstundentage Werkstattarbeit. Für den Winter 1930/31 ward eine gestalt- psychologische Grundlehre mit dem Kreis um Professor Felix Krüger- Leipzig beschlossen, eine soziologische war vorbereitet, und die fehlende sozial- ökonomische Schulung nahm ich in Aussicht. -Aus alledem ergibt sich meine schlechte Eignung zum subalternen Geschäftsführer der "aera gropii". Ich hatte eine Anschauung, und ich vertrat sie so anschaulich wie möglich.

Herr Oberbürgermeister! Der äußere Erfolg dieser zweijährigen Bauhausarbeit ist Ihnen bekannt: Die Jahresproduktion von etwa 128 000 RM (1928) ist nahezu verdoppelt. Die Studierendenzahl stieg von etwa 160 auf 197, und nur durch numerus clausus konnten wir den Zugang drosseln. Die Mitgliederzahl des internationalen " Kreises der Freunde des Bauhauses" stieg von 318 auf über 500. Im letzten Betriebsjahr entfielen 32 000 Mark Lohngelder an Studierende, und so konnte auch der Prolet ans Bauhaus kommen. Eine Bauhauswanderschau propagierte unsere Ideen in Basel-Breslau-Dessau-Essen-Mannheim-Zürich. Als Bauhausleiter predigte ich materialistische Gestaltung in meinen Vorträgen zu Wien, Breslau, Basel, Prag, Dessau, Nürnberg, Mannheim, Essen, Brünn usw. Die Industrie drängte sich heran, holte ausgebildete Bauhäusler, schloß Lizenzverträge ab für Bauhausstoffe, -lampen, -standardmöbel, -tapeten. Die Flugzeug-, Schokoladen- und Konserven-Industrie bedachte uns mit namhaften Ausstellungs-Aufträgen. Innerhalb Jahresfrist waren 4000 Wohnungen mit Bauhaustapeten beklebt. So hatte unser Haushalt Aussicht, sich künftig auf dem einzig gesunden Weg der Selbsthilfe zu bessern. Mein Privatauftrag zur Errichtung der Bundesschule des "Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes" in Bernau bei Berlin beschäftigte mittelbar die Bauhäusler und zeitweise auch das Bauhaus. Je eine Studienzelle arbeitete am Generalbebauungsplan Dessau, an vier Versuchshäusern, und eine führte 90 Volkswohnungen aus; zwei Gruppen begannen die Umwelt des Kindes und des alleinstehenden Menschen mit neuem Mobiliar zu versehen. Das Volk schien in unser vornehmes Glashaus einzubrechen. Bedarfwirtschaft ward Leitmotiv, und die letzten Kunstjünger gingen Tapetenfarben mischen.

Herr Oberbürgermeister! Während der ganzen Periode unserer Zusammenarbeit einigte uns die Sorge um die drohende Politisierung des Bauhauses. Ihnen schien sie aus dem Bauhaus-Inneren zu kommen, mir drohte sie von außen. Noch entsinne ich mich jenes Märzmorgens, da der Genosse Paulick, Herzog von Anhalt und der SPD, unangemeldet in mein Arbeitszimmer trat, um seinen ersten Eingriff in die Autonomie unserer Hochschule zu versuchen. Wie aufschlußreich klang sein Flüsterbariton "daß der Oberbürgermeister bloß formell, er aber in Wirklichkeit mein Vorgesetzter sei".- - - Weil ich ein Gegner der Politisierung des Instituts bin, löste ich als Bauhausleiter im März 1930 die kommunistische Zelle der Bauhausstudierenden auf. Sie verständigten die Anhaltische Regierung von diesem Schritt. Als daher Mitte Juli 1930 im Zusammenhang mit einer freiwilligen Kollekte einzelner Bauhäusler für das Hilfswerk der "Internationalen Arbeiterhilfe" in der Dessauer Lokalpresse die Falschmeldung von der Weiterexistenz einer "Ortsgruppe Bauhaus Dessau" der KPD auftauchte, verlangte die Anhaltische Regierung, eine Untersuchung dieses Widerspruches. Diesem Verlangen konnten sie nicht mehr stattgeben, denn die "Feme" hatte den kulturreaktionären Lustmord für die Bauhausferien längst vorbereitet.

Herr Oberbürgermeister! Soeben von der Eröffnung der Züricher Bauhaus- Wanderschau heimgekehrt, komme ich am 29. Juli 1930 zu Ihnen. In Dessau große Aufregung: die 90 Volkswohnungen der Stadtsiedlung Dessau- Törten, der erste kollektiv gestaltete Bauauftrag unserer Bauabteilung, sind bezugsfertig. Tausende besuchen sie. Rückhaltlose Anerkennung in der ganzen Presse. Eine Zweieinhalbzimmer- Wohnung mit Küche, Bad und Zubehör für 37,50 Mark Monatsmiete! Endlich eine Arbeit im Sinne eines neuen Bauhauses. Entstanden zwar unter meiner geistigen Führung, selbstständig durchgeführt jedoch von einer Gruppe junger Studierender. Erleichtert betrete ich Ihr Arbeitszimmer. Mit dem Hinweis auf die von der Anhaltischen Regierung infolge der erwähnten Falschmeldung vom Magistrat geforderte Untersuchung über Zustände am Bauhaus verlangen Sie meine sofortige Demission. Grund: meine angebliche Politisierung des Instituts. Ein Marxist könne niemals Leiter des Bauhauses sein. Anlaß: Mein freiwilliger privater Beitrag an das Hilfswerk der IAH. zugunsten notleidender Familien streikender Bergarbeiter im Mansfelder Revier. Vergeblich meine erneute Beteuerung, daß ich bisher niemals einer Partei angehörte. Vergeblich meine Erklärung, daß eine "Ortsgruppe Bauhaus Dessau" der KPD ein Partei- organisatorisches Unding sei, vergeblich meine Tätigkeit immer nur kulturpolitisch, niemals parteipolitisch gewesen sei. Sie drücken mir die Kehle zu und deuten mein nervöses Lächeln als Zustimmung.

So wurde ich von hinten abgekillt. Ausgerechnet während der Bauhausferien fern von mir nahestehenden Bauhäuslern. Die Bauhaus-Kamarilla jubelt. Die Dessauer Lokalpresse fällt in ein moralisches Delirium. Vom Eiffelturm stößt der Bauhauskondor Gropius herab und pickt in meine direktoriale Leiche, und an der Adria streckt sich W. Kandinsky beruhigt in den Sand: Es ist vollbracht.

Herr Oberbürgermeister, schon vor hundert Jahren hat sich mein Schweizer Landsmann Lavater vergeblich in Dessau den Kopf zerbrochen, die Unergründlichkeit der Anhaltinischen Physiognomien zu enträtseln. Als Pflanzenfreund will ich versuchen, auch Sie, das schwankende demokratische Rohr in der Parteien Wind, zu begreifen. Trotz des Unrechtes, das Sie mir antun, steht Ihre persönliche Ehrenhaftigkeit für mich außer Zweifel. Ich kann verstehen, wie sehr Ihnen bisweilen die zugewiesene Rolle eines Hofmarschalls des Rathauses zu Dessau unangenehme Aufgaben bringt. "Wie peinlich", sang der Chor in Paul Hindemiths Oper "Neues vom Tage" im vergangenen Dessauer Theaterwinter, als dort die Dame in der Badewanne lag. " Wie peinlich", daß gerade Sie mich, den Arglosen, mitten in eifrigster aufbauender Bauhausarbeit killen müssen. Wie peinlich, Herr Oberbürgermeister, wie peinlich. Herr Oberbürgermeister! Zoologische Gärten, Museen und Rennplätze sind Ausdrucksformen des munzipalen Geltungsdranges. Neben "Wörlitz" und "Junkers" hat sich Dessau ein "Bauhaus" zugelegt. Statt exotischer Tiere hält man sich jene absonderlichen Menschen, welche die Welt als große Künstler verehrt. Nach meiner tiefsten Überzeugung ist Kunst nicht lehrbar. Das Kleefeld junger Bauhauskünstler, gezüchtet vom wundersamsten Malerindividualisten, wird brach liegen in unserer Epoche größter sozialer Umschichtung und kollektiver Lebensnot. Vollends ist es ein Verbrechen, den jungen Menschen, welche sich der Gesellschaft von morgen als Gestalter zur Verfügung halten sollen, das abgestandene Kraftfutter vorgestriger Kunsttheorien als Wegzehrung anzubieten. Hier liegt des Konfliktes Kern:

Sie kokettieren mit Ihrem kulturbolschewistischen Institut, und gleichzeitig verbieten Sie den Insassen, Marxisten zu sein. Für die hinter Ihnen verborgene Kamarilla ist das Bauhaus ein Objekt politischen Machtkollers, professoraler Eitelkeiten und ein ästhetisches Animierlokal. Für uns Bauhäusler ist es ein Ort neuer Lebensgestaltung. Die städtische Politik verlangt von Ihnen laute Bauhauserfolge. eine glänzende Bauhausfassade und einen repräsentativen Bauhausdirektor. Wir Bauhäusler begnügten uns immer mehr mit der Anonymität unserer kollektiven Arbeit. Die fortschreitende Proletarisierung des Instituts erschien uns zeitgemäß, und der Herr Direktor war ein Kamerad unter Kameraden. Ihr Bauhaus glänzte nach außen, das unsrige leuchtete nach innen. Was tun? Aufgeben oder aufleben lassen? Akademie oder Bauhaus?

Herr Oberbürgermeister! Der Ruhm ist die Summe aller Mißverständnisse, welche sich an einen Namen knüpfen. Hoffentlich trägt auch meine von Ihnen fristlos vollzogene Entlassung, diese leicht mißzuverstehende Amtshandlung, zu Ihrem Ruhme bei, mindestens in Dessau und im Freistaate Anhalt. Jenseits von Askaniens Grenzen aber wird man Ihre Handlungsweise unverständlich finden, unvornehm und unmenschlich.

Herr Oberbürgermeister! Sie wollen nunmehr den Geist des Marxismus aus dem von mir verseuchten Bauhaus treiben.

Moral, Zucht Sitte und Ordnung sollen am Arm der Musen von neuem Einkehr halten. Als meinen Nachfolger haben Sie sich Mies van der Rohe verschreiben lassen, durch Gropius` Rat, nicht etwa - satzungsgemäß- durch der Meister Rat. Mein bedauernswerter Kollege soll wohl mit der Spitzhacke und im seeligen Gedanken an die moholytische Vergangenheit des Hauses meine Bauhausarbeit abbrechen. Mit den aller schärfsten Mitteln soll wohl dieser verruchte Materialismus bekämpft und damit das lebendige Leben aus der unschuldweißen Bauhauskiste geklopft werden. Haut ihn den Marxismus! Und dazu haben sie sich ausgerechnet Mies van der Rohe hergeholt, den Schöpfer des Denkmals für Karl Liebknecht und die rote Rosa! Herr Oberbürgermeister, soll ich (ein letztes Mal) Mitleid mit Ihnen haben?

Herr Oberbürgermeister, meine Kollegin von vorhin, das ebenfalls fristlos entlassene Dienstmädchen, die mit den nackten Beenekens, behauptet, sie verstehe meine Bauhaus- Affäre nicht.

Herr Oberbürgermeister, wiederum stehe ich an des Mädchens Seite:  
Ich durchschaue alles. Ich verstehe nichts.

BH (2005)

 
BRIEF VON HANNES MEYER AN DEN OB HESSE
 

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